Akademie

Neuheit und Tradition

“ Die Forderung nach dem Neuen hat sich heiß gelaufen, und man versucht, die Sache abzukühlen, indem man auf den Eventcharakter setzt und ihn hochhält und dann beglückt daraus den fatalen Schluss zieht: Neu ist, was Unterhaltungswert hat. Kunst aber hat mit Unterhaltung nichts im Sinn, Kunst ist Sein, Kunst ist etwas, mit dem man lebt. Es ist ja  nicht so, dass wenn man einmal ein Bild gesehenen hat, es ein für alle Mal erfasst ist und man es nie wieder anzuschauen brauchte. Sondern die Hinwendung nimmt kein Ende, weil beständig neue Ansichten hervortreten, so oft man auch hinsieht. „

„Grundsätzlich hat der Umgang mit Tradition offen und kreativ zu sein. Sie ist nie um ihrer selbst willen anzunehmen, das wäre gestrig, bürgerlich, angepasst, mit einem Wort: traditionell. Gegen ein solches Verhalten ist als Lebensentwurf beispielsweise nichts zu sagen, aber es taugt nicht für die Kunst und kann nicht ihr Anliegen sein.

Die Tradition ist eine Größe, die es zu bewältigen gilt, die zu umfahren ist, was nicht meint, sie links liegen zu lassen, sondern mit ihr produktiv umzugehen….. Sie muss selbstverständlicher Bestandteil unseres Handeln und Agierens sein. Unser Umgang mit ihr sollte ungestüm sein …. Nicht zu unterschätzen ist schließlich, dass Tradition letzten Endes als maß, als Größe und Wertung lebendig zu erhalten ist, damit das neue und das Andere sich davon abheben und begriffen werden können. Wenn Tradition als Größe erscheint, die wir zum Urteilen brauchen, dann kann sie zu Norm und Gesetz verhärten und ist in dem Moment, da sie normativ auftritt, anzugreifen und abzulehnen. „

Markus Lüpertz, 2005 aus: Der Kunst die Regeln geben, ein Gespräch mit Heinrich Heil, Markus Lüpertz, Amman Verlag, 2005

Bildbesprechung mit Prof. Markus Lüpertz

“ Frag mich nicht was Du machen sollst, ich kann nur darauf reagieren, was Du machst. Ich kann nur über das reden, was gemacht wird. Das ist ein tolles Bild, weil es eine Idee von einem Kopf ist und einer Leinwand, mach doch mal 10 Stück davon, dann können wir drüber reden. im Anschluss sage ich dir ober es gut war oder schlecht. „

“ Das ist alles zu raffiniert, mal doch einfach mal, du bist doch kein Illustrator, vergiss mal die Leinwände da drunter, du musst an den Kern der Sache kommen, das ist alles zu illustrativ, mach auf weiße Leinwand oder Papier „

“ Solange du an der Sache arbeitest muss du die Proportionen achten, konzentriere dich vor dem malen auf die Zeichnung, die muss stimmen. Sie fangen an zu malen, wenn die Zeichnung stimmt, nein die Proportionen müssen stimmen! Du kannst das auch skizzenhaft anlegen und dann mit der Farbe korrigieren. Diese Übertreibungen, das möchte ich euch beibringen, dass ihr den Körper selbst entdeckt und begreift. Nicht festlegen, nass offen, frei bleiben. Du kannst auch gleich mit dem Pinsel rangehen, nur du musst die Strecken hinkriegen. „

“ Du solltest noch mehr hingucken und übertreiben. Oben Dünn unten Dick! Mach den Unterschied deutlich. Bisschen großzügiger. Das ist eine Vorstellung von dem was Du siehst, ohne dass du hingeguckt hast. Vielleicht ein bisschen härter, nicht ganz so raffiniert. Busen ist schön auf der Strecke, aber er sitzt anderes im Verhältnis zum Po. Das spannende am Akt ist die Beziehung zueinander. Schmal – Dick, nicht überall gleich, wenn Du genügend nackte Frauen gesehen hast, kannst Du das auch aus dem Kopf machen. Du machst das alles so raffiniert, hat das alles nass gemacht… du bist ein richtiges Filou ….. So ne Linie ist ein Verbrechen …. das gibt es in der ganzen Natur nicht!“

Prof. Markus Lüpertz, Akademie der Bildenen Künste, Kolbermoor, 2018

Sommerakademie Kolbermoor

Die Spannung zwischen dem was man vorhat und dem was man sieht und was der andere in dem Bild entdeckt, was man selber gar nicht selber weiß, das ist das was hier stattfindet.

Zeichnen ist eine brutale Sache. Du siehst den Strich und du siehst ob du es hinkriegst oder nicht. Das ist das brutale am Zeichnen. Deswegen: Du musst dich nie damit beschäftigen, wie das aussieht, (wie das wirkt), sondern du musst dich damit beschäftigen, was du davon hast (gelernte Erkenntnis). Und versuche nie was zu illustrieren, oder zu kaschieren, damit es so ein bisschen nach was aussieht, oder was. Das vergiss! Die Zeichnung ist für den Maler wichtig, weil …. mit der Zeichnung denkt der Maler.

Die Arbeit kann in einer Sekunde erledigt sein oder in 3 Tagen. Es gibt keine Zeit in der Kunst! Und was Du schnell machst kann aussehen als ob es lange gedauert hat, und umgekehrt, du musst spielen damit. Du bist frei von solchen Dingen.

Es geht um´ s Individualisieren. Es geht nicht darum, dass du eine neue Zeichnung machst, es geht darum, dass du eine individuelle Zeichnung machst. Nie gucken was man schon einmal gesehen hat und denkt, da muss ich hin. Das ist zwar lehrreich, aber nur dass man sieht, man kann was erreichen, man kann da irgendwo hingehen. Aber du musst deinen eigenen Weg finden, egal auf welcher Position du kommst, egal wo du stehst, egal was du vorhast, du musst deine Zeichnung entdecken. Und wenn Du deine Zeichnung entdeckst und trotzdem bei dem Akt bleibst, der da liegt, dann hast Du es geschafft.

Es gibt in der bildenden Kunst nichts Neues, es gibt nur neue Künstler der Malerei (erster großer Lehrsatz) da müsst ihr euch wirklich dran halten, denn im Vergleich stellt man Qualität fest. Wenn wir uns vergleichen können, wir müssen uns jedem vergleichen der irgendwo schon mal ein Bild gemalt hat, dann sieht man genau wo man steht und was man vorhat, und da nicht dem Mut verlieren, das ist eigentlich die große Leistung und wichtiger als das Talent, was meistens völlig überschätzt wird.

Wenn ihr das betretet, dann ist das ein Weg der ist schwierig, der ist eigenartig, man gebiert auch mit dieser Absicht eine eigene Unzufriedenheit. Man ist nie mit sich zufrieden. Es ist nicht immer Spaß, es ist auch Unspaß. Es gibt Momente, da verzweifelt man, da will man aufhören, man hat die Schnauze voll, aber das sind Dinge, die gehören dazu. Und das ist ja Leben. Und dieses Leben über die Malerei zu begreifen und zu definieren, ist eines der großartigsten Erlebnisse, die man erleben kann.“ (Prof. Markus Lüpertz, August 2018)

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